Zukünftiger Tageblatt-Kolumnist Ben Gastauer (Ag2r) vor seinem ersten Rennen 2012
Los geht’s, die Radsport-Saison 2012 nimmt für die ersten Luxemburger Profis Fahrt auf. Morgen Sonntag nehmen mit Jempy Drucker (Accent.jobs/Startnummer 126/siehe auch Interview vom 17. Januar) und Ben Gastauer (Ag2r/66) zwei Luxemburger Profis am Grand Prix Cycliste la Marseillaise (F/Kategorie 1.1), einem Rennen über 148,1 Kilometer, teil.
Christophe Junker unterhielt sihc mit Ben gastauer
Ben Gastauer will die Farben von Ag2r noch höher halten
Auf Ben Gastauer warten diese Saison aber noch weitere Aufgaben. Nach Fußballprofi Lars Gerson schließt sich der 24-jährige Radprofi dem exklusiven Kreis der Tageblatt-Kolumnisten an.
Tageblatt: Ben, du wirst ab kommender Woche deine eigene Radsport-Kolumne im Tageblatt haben, welche im 2-Wochen-Rhythmus erscheinen wird. Was waren deine Beweggründe, unter die Schreiberlinge zu gehen?
Ben Gastauer: „Mich interessiert vor allem der andere Blick auf den Radsport. Es geht mir darum, mitzuteilen, was ein Radprofi während eines Jahres erlebt. Die meisten Fans sehen uns nur bei den Rennen, nicht aber, was sonst noch zu unserem Beruf dazugehört. Wie ein Profi zu leben hat. Das kann eine schöne Erfahrung für mich werden.“
„T“: Was gehört denn u.a. zum Leben eines Profisportlers?
B.G.: „Wir leben nicht das Leben eines Normalbürgers, alles ist ein wenig spezieller. Ich habe beispielsweise keinen geregelten Tagesablauf, jeder Tag sieht anders aus. Wir sind ständig unterwegs, viel auf Reisen, und am Wochenende haben wir eigentlich nie frei. Auch auf unsere Ernährung müssen wir achten …“ (‘… an et huet ee vill ze wäschen’, fügt seine Mutter Yvette während des Interviews lachend aus dem Hintergrund an.)
„T“: Wie sehr ist ein Profisportler überhaupt auf sein privates Umfeld angewiesen?
B.G.: „Sehr stark, sonst würde es nicht hinhauen. Die Eltern sind sehr wichtig, vor allem, ehe man Profi ist. Sie müssen deine eigenen Ziele verfolgen und unterstützen, viel Zeit aufwenden und einen finanziell unterstützen. Sonst bleibt der Erfolg aus.“
„T“: Stichwort Erfolg: die Gebrüder Schleck stehen u.a. für großartige weltweite Erfolge, während deine Rolle bei Ag2r eher jene des Helfers ist. Bewertest du die Tatsache, es überhaupt zum Profi geschafft zu haben, bereits als Erfolg?
B.G.: „Ja, bei den Rennen starten zu dürfen, die ich zuvor im Fernsehen verfolgte, ist für mich bereits ein Erfolg. Erfolg ist ein relativer Begriff. Klar geht es mir dieses Jahr auch darum, mich so weit zu verbessern, dass ich auch sportlich Erfolg haben kann.“
„T“: Aber nicht Erfolg um jeden Preis, oder?
B.G.: „Nein, wir müssen wirklich aufpassen, was wir zu uns nehmen. Der Beipackzettel eines Medikamentes muss dreimal durchgelesen werden, um auch wirklich nichts zu übersehen. Letztens erst, als ich krank war, war ich bei meinem Hausarzt, und der hat mir ein Medikament verschrieben und versichert, dass ich es ohne Bedenken einnehmen könnte. Ich habe mich aber zuerst bei unserem Teamarzt vergewissert, der es mir gleich untersagt hat, da irgendeine Substanz seit dem 1. Januar auf der Verbotsliste steht. Wie gesagt, es gilt höllisch aufzupassen.“
„T“ Du gehörst der Generation des neuen Radsports an, der auch aufgrund seiner stärkeren und verbesserten Kontrollsysteme als wesentlich sauberer gilt als noch vor einigen Jahren. Siehst du das genauso?
B.G.: „Ich kann das nicht wirklich beurteilen, da ich ja erst seit zwei Jahren Profi bin. Es wird natürlich sehr viel über dieses Thema geredet und ich kann nur sagen: Ich bin froh, nicht vor dem Jahr 2000 Profi gewesen zu sein, sondern in die jetzige Periode gefallen zu sein. Damals wäre ich bestimmt nicht Profi geworden, so viel ist klar. Jetzt fährt eine andere Generation Rad, eine, die von klein auf eingetrichtert bekam, dass diese verbotenen Mittel auf Dauer gesundheitsschädlich sein können und welche noch weiter reichende Konsequenzen nach sich ziehen können. Wird man erwischt, ist man seinen Job los. Man stellt sogar die Existenz einer ganzen Mannschaft, der Fahrer und aller, die dazugehören, aufs Spiel. Ich bin eh jemand, der sehr auf seine Gesundheit achtet, und Radsport ist nicht alles. Schließlich dauert das Leben nach einer Karriere wesentlich länger als eine Profikarriere selbst. Ich habe keine Lust, mit 40 Jahren Herzprobleme zu bekommen. Daher …“
„T“: Thema Krankheit und Winter. Die letzten Monate mit recht milden Temperaturen und gut zu befahrenden Straßen waren eigentlich ideal für Radfahrer.
B.G.: „Allerdings. Ich habe einen trainingsmäßig sehr guten Winter hinter mir. Mitte November habe ich das Training aufgenommen. Dann haben wir uns als Team zum Wandern mit Orientierungsläufen und zum Kennenlernen in den Bergen getroffen. Anschließend wurde es ernster, es wurde mehr auf dem Rad trainiert. Im Dezember waren wir in Spanien, und auch hier waren die Bedingungen perfekt. Dann war ich drei Wochen in Chambéry und auch hier herrschten erstaunlicherweise ideale Bedingungen zum Radfahren. Zwei- oder dreimal hat es geschneit; dann stand ich halt auf den Langlaufbrettern. Ich habe viel Volumen trainiert. Spezifisch wird seit Januar trainiert.“
„T“: Am Sonntag fängt deine Saison wie auch jene von Jempy Drucker (Accent.jobs) mit dem GP Marseillaise an. Mit welchen Ambitionen?
B.G.: „Mein Hauptprogramm steht von Mitte März bis Juni. Diese ersten Rennen dienen mir nur zum Einrollen, zum Kilometersammeln. Es gilt, in Form zu sein für die anschließenden ProTour-Rennen. Dort wird von mir erwartet, dass ich in Form bin, um unseren Kapitänen zu helfen. ‘Wat meng perséinlech Ambitiounen ugeet, do hunn ech nach eng Revanche mat dem Tour duerch Katalounien opstoen’ (Ben Gastauer gehörte 2011 auf der 1. Etappe einer Gruppe von vier Fahrern an, welche über 140 km an der Spitze fuhr. Während der Lette Gatis Smukulis seinen Vorsprung zum Etappensieg ins Ziel retten konnte, wurde der Luxemburger 1 km vor dem Ziel vom Feld geschluckt, d.Red.). Dieses Rennen ist eines, das mir recht gut liegt, es geht hoch und runter und alles ohne die ganz hohen Berge.“

„T“: Bei der Katalonien-Rundfahrt genießt du also einige Freiheiten?
B.G.: „Ich weiß nicht, ob sich mir diese Chance dort noch mal bieten wird. Ich werde jedoch alles unternehmen, damit es mir noch mal gelingt. Und warum nicht, dann mit einem besseren Ende. Man sollte nichts unversucht lassen. Ansonsten sind meine Rollen klar verteilt: ‘Ech si Coéquipier.’ Mein Hauptziel gilt dem Giro, wo ich unserem Kapitän John Gadret zu einer Topplatzierung verhelfen soll.“
„T“: Du standst 2009 als Dritter auf dem Schlusspodium der Flèche du Sud und galtst als junger, hoffnungsvoller Siegfahrer. Fühlst du dich in deiner Rolle als Helfer eigentlich wohl?
B.G.: „Ich bin immer noch jung, und zufrieden mit meiner Rolle. Natürlich hoffe ich, dass eines Tages mehr für mich gefahren wird. Ich arbeite darauf hin und denke, in meiner Entwicklung weitergekommen zu sein. Das Wichtigste im Radsport sind allerdings nicht die persönlichen Erfolge, sondern der Erfolg des gesamten Teams.“
„T“: Würden bessere persönliche Resultate auch helfen, nach Ablauf deines Zweijahresvertrags bei Ag2r andere Teams auf dich aufmerksam zu machen? Eventuell auch, um irgendwann dem Luxemburger Team RadioShack-Nissan anzugehören?
B.G.: „Klar will ich mich weiter verbessern und mich mit guten Resultaten anbieten. Im Endeffekt ist es egal, wo ich in zwei Jahren fahre. Hauptsache, ich darf weiterhin Profi sein. Mit geht es darum, einem Team anzugehören, in dem ich mich wohlfühle, Spaß habe und man mir vertraut.“