revue de presse : tageblatt (20/09/2021)

Zwölf Jahre lang war Ben Gastauer Profi-Radsportler. Am Samstag hat er bei der Tour de Luxembourg sein letztes Rennen bestritten. Zeit, seine Karriere Revue passieren zu lassen.   <>

Tageblatt: Ben Gastauer, am Samstag haben Sie zum letzten Mal das Trikot von Ag2r angezogen. Wie hat sich das angefühlt?

Ben Gastauer: Es war ein schöner Tag. Ich habe es noch einmal genossen. Es war ein gutes Rennen, wir hatten schönes Wetter, eine tolle Stimmung. Die ganze Familie war hier, für mich war es ein perfekter Abschluss. Es ist schon emotional, aber ich bin auch froh, dass es nun vorbei ist.  Zwölf Jahre Karriere haben Sie hinter sich.

Hätten Sie noch ein Jahr drangehängt, wenn die Hautreizungen, unter denen Sie in diesem Jahr gelitten haben, nicht gewesen wären? Im Juli bekam ich grünes Licht, um wieder zu trainieren. Vincent Lavenu sagte zu mir, dass, wenn ich weitermachen will, ich das tun sollte – aber er sagte mir auch, dass ich ehrlich sein sollte. Nach zwei Wochen Training war es nicht so, wie es sein sollte. Ich hatte Probleme. Also dachte ich nach und fragte mich: Was kann ich noch gewinnen? Und was riskiere ich? Ich kam zu dem Entschluss, dass ich viel mehr riskiere, als ich gewinnen kann. Das war ausschlaggebend, einen Schlussstrich zu ziehen. Ich wollte glücklich vom Rad steigen. Ich wollte nicht noch ein Jahr unglücklich weiterfahren. 

Hatten Sie schon vor der Verletzung Gedanken, Ihre Karriere zu beenden?

Ja, es war kein neuer Gedanke. Aber die Verletzung, meine Gedanken, meine Familie – das hat alles dazu geführt, dass ich zu diesem Zeitpunkt diese Entscheidung getroffen habe. Ich war lange dabei. Irgendwann denkt man über die Karriere nach dem Sport nach, über das Familienleben. In diesem Jahr hatte ich mit dem Giro und Olympia große Ziele. Das war alles hinfällig. Ich habe nachgedacht und konnte kein konkretes Ziel für nächstes Jahr erarbeiten. Und einfach nur Radfahren ist nicht das, was ich will. Die Familie spielt auch eine große Rolle. Es gab also viele Gründe, warum es der richtige Zeitpunkt ist. 

Bereuen Sie es, es nicht zu den Olympischen Spielen geschafft zu haben?

Ich wäre sehr gerne dabei gewesen. Sportlich kann ich mir aber nichts vorwerfen, ich habe immer mein Maximum gegeben. Dieses Jahr kam die Verletzung dazu, das war schade. Es ist immerhin das größte sportliche Event der Welt und das fehlt nun im Palmarès. 

Gibt es etwas, das Sie bereuen, nicht getan zu haben?

Nein, ich bereue nichts. Ich bin sehr glücklich mit meiner Karriere und habe immer das getan, was ich konnte. Bis auf die letzten Monate ging es ständig bergauf.  Hätten Sie es nicht gerne mal in die Rolle des Leaders geschafft? Ich bin von Anfang an in die Helferrolle geschlüpft. Ich hatte das Gefühl, dass irgendwas fehlte, um Leader zu werden. Ich bin ein kompletter Fahrer gewesen. Das bedeutet, dass ich viele gute Fähigkeiten hatte, aber in keinem Bereich ein wirklicher Spezialist war. 

Dabei hatten Sie damals im „Centre de formation“ von Ag2r bessere Werte als Romain Bardet …

Werte im Labor sind eben nur Zahlen. Auf der Straße kommen viele Faktoren zusammen. Meine Werte waren immer gut, deswegen konnte ich diese Karriere machen. Ich bin von der Statur her groß und schwer, das hat mir in den Bergen Probleme bereitet. Was ich damit sagen will: Auch wenn Romain schwächere Laborwerte hatte, ist er der bessere Bergfahrer.  Andere Rennen hätten Ihnen aber trotz der Statur auch liegen können … Ich bin kein Puncheur, ich bin kein Bergfahrer, der bei großen Rundfahrten vorne reinfahren könnte. Irgendwie war ich überall gut, aber nirgendwo überragend. Ich konnte aber alle Rennen bestreiten und meinem Team helfen. Ich fuhr alle Monumente, das können nicht viele. 

Haben Sie nie in Erwägung gezogen, die Mannschaft zu wechseln?

Beide Seiten waren glücklich. Aber es gab schon ein paar Kriterien, auf die ich achtete. Ich wollte, dass sich das Team weiterentwickelt und weiterkommt. Solange das der Fall war, war ich zufrieden. Außerdem hat mir das Team Vertrauen geschenkt, das hat mich glücklich gemacht. Es gab für mich keinen Grund, ein Risiko einzugehen und zu wechseln. Das Team hat mir immer sehr früh ein Angebot unterbreitet, mit dem ich gut leben konnte. Es kam nie die Frage auf, ob ich weg soll oder nicht. Blicke ich zurück auf die zwölf Jahre in der Mannschaft, dann sehe ich, dass sich das Team enorm weiterentwickelt hat. Das ist wichtig für mich. Inwiefern hat sich der Radsport in den zwölf Jahren weiterentwickelt? Es hat sich sehr viel geändert. Die jüngeren Fahrer lernen den Radsport ganz anders kennen, als ich es getan habe. Sie sind sehr früh viel besser vorbereitet, als ich es damals war. Es gibt so viele Fortschritte im Trainingsbereich, alles ist schon im jungen Alter professioneller. 

Das heißt, Sie sind keiner derjenigen, die sagen, früher war alles besser …

Nein, nein. Sicherlich nicht. Ich finde es gut, dass der Radsport sich so weiterentwickelt. Ich bin aber auch froh, dass ich den Radsport so kennengelernt habe, wie ich es konnte. Sobald die jungen Fahrer heutzutage in die WorldTour kommen, sind sie bereit. Als ich in die WorldTour kam, wurde gesagt, dass ich erst mal ein paar Jahre bräuchte, um mich an das Level zu gewöhnen – danach würden wir weiterschauen. Bei uns war es gefühlt alles etwas lockerer. Aber so, wie es heute ist, ist es gut. Dadurch kommt der Radsport weiter.

Blicken wir zurück: An welchen Moment erinnern Sie sich besonders gerne?

Ich erinnere mich gerne an den Tag zurück, an dem wir mit der Tour de France durch Schifflingen fuhren. Das war ein großer Moment in meiner Karriere. Außerdem blicke ich gerne auf die Tour 2014 zurück, als wir die Teamwertung gewannen und in Paris auf das Podest steigen durften. 

Welcher Fahrer hat Sie am meisten beeindruckt?

Teamintern war es Romain Bardet. Er hat mich sehr beeindruckt. Als er ins Team kann, hat er bereits gezeigt, dass er sehr viel Potenzial hat. Er hat das Team in den darauffolgenden Jahren hochgezogen, mit seinem Einsatz und seiner Motivation. Ich weiß nicht, ob Ag2r dieselben Resultate ohne ihn hätte. Er hat sehr hart gearbeitet, das war alles sehr beeindruckend. 

Gibt es die Momente, in denen Sie sich gefragt haben, warum Sie sich das überhaupt alles antun?

Das kommt schon öfter vor, besonders bei großen Rundfahrten. Auf zwei oder drei Etappen denkst du dir: Warum machst du das überhaupt? Aber sobald die Etappe vorbei ist, dann vergisst man, wie schwer es wirklich war. Man denkt sich, dass es doch nicht so schlimm gewesen ist. 

Wie geht’s für Sie nun weiter?

Ich muss schauen, ich bin für einiges offen. Ich könnte Physiotherapie studieren, das könnte mir Spaß machen. Reisen möchte ich nicht so viel. Ich würde aber gerne dem Sport nahe bleiben. 

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